AckerKolumne

Ist Biodiversität mehr als ein Modewort?

Dr. Thomas Gladis

Was hat „Das doppelte Lottchen“ mit Biologischer Vielfalt zu tun? Das erfahrt ihr dieses Mal in der AckerKolumne des promovierten Biologen und Ökologen Dr. Thomas Gladis. Seit seinem Studium setzt er sich u.a. für die Etablierung nichtstaatlicher Sortensammlungen ein. Bei seiner Arbeit liegen „Dr. T“ besonders die Erforschung und Erhaltung regionaler Kulturpflanzen am Herzen. 

Biodiversität oder Biologische Vielfalt, diese Begriffe sind derzeit in aller Munde, gerade in Bezug auf die Klimadebatte – doch was sagen sie überhaupt aus? Wollen wir mit ihnen nicht nur etwas schwer Fassbares elegant umschreiben?

Es ist das Verdienst der großen Naturforscher, uns die Tore zu den Welten der Mikroben, der Pilze, der Tiere und der Pflanzen einen Spalt weit geöffnet zu haben. Meist sind wir viel zu sehr mit uns selbst beschäftigt, um in eine dieser wundersamen Sphären einzutauchen, viel zu befangen in unserer eigenen, von Menschenhand geschaffenen Welt, um die Komplexität anderer Wirklichkeiten auch nur ansatzweise zu erfassen. Evolutionär hat immer das fitteste Individuum überlebt, meinte Charles Darwin augenzwinkernd, wohl wissend, dass immer auch ein Quäntchen Glück dazu gehört.

Wir Menschen sind bestrebt, alles technisch zu vereinheitlichen, zu vereinfachen, zu standardisieren. Dabei war und ist das Leben, ist die Natur immer vielfältig: Kommen beispielsweise eineiige Zwillinge zur Welt, wird eines der Kinder immer das Erstgeborene bleiben. Mit zunehmendem Alter wollen und werden sich die genetisch identischen Zwillinge differenzieren, auch und insbesondere dann, wenn sie nicht getrennt voneinander aufwachsen wie Erich Kästners Romanfiguren Luise Palffy und Lotte Körner in „Das doppelte Lottchen“. Wer möchte schon freiwillig auf seine Identität, auf sein eigenes Leben verzichten und sich nur als Kopie, als Doppelgänger eines anderen Wesens definieren?

In der großen nationalen und internationalen Politik hat man sich bei der Definition der Biologischen Vielfalt auf den Dreiklang von Lebensraumvielfalt, Artenvielfalt und innerartlicher oder genetischer Vielfalt geeinigt. Darauf gründet sich unseres Erachtens eine ausgewogene und funktionierende Umwelt: Vielfalt ist Reichtum an Ökosystemen, an Arten, an Rassen bei Tieren, an Sorten bei Pflanzen, an Stämmen bei Pilzen und Mikroorganismen.

Bei der GemüseAckerdemie geht es uns nur um einen kleinen, für die Menschheit aber wesentlichen Ausschnitt aus dem Großen und Ganzen: um die Agrobiodiversität, die landwirtschaftlich und gärtnerisch relevante Vielfalt. Der Acker wird als Lebensraum wahrgenommen und in der Regel sorgsam betreut. Neben den Gemüsearten gibt es je nach Pflege mehr oder weniger zahlreiche Unkräuter; aber auch Tiere bevölkern ihn, Pilze und Mikroben. Bei den Gemüsearten säen und pflanzen wir gern mehrere Sorten unterschiedlicher Nutzungsrichtungen und bewegen uns damit auf der intraspezifischen bzw. der sogenannten genetischen Ebene. Monokulturen sind bekanntlich anfälliger für Krankheiten und Schädlinge als Mischkulturen. Obwohl sie einander äußerlich ähnlich sehen, sind auch alle Pflanzen einer Sorte Individuen, genau wie die beiden Mädchen in Kästners Roman.

In jeder Region, an jedem Bildungsstandort sehen die Flächen der GemüseAckerdemie ähnlich bunt und doch immer ein bisschen anders aus als an allen anderen. Jeder Acker trägt seine eigene Handschrift – jedenfalls immer eine ganz andere als die Äcker in der umgebenden Landwirtschaft.