AckerNews

„Es kann nicht sein, dass Nachhaltigkeit mit Büchern gelehrt wird“

Die GemüseAckerdemie hat vor Kurzem eine wichtige Hunderttausendermarke passiert: Unglaubliche 100.000 teilnehmende Kinder zählt das Bildungsprogramm mit dieser AckerSaison. Sie alle wissen jetzt, wo Lebensmittel herkommen, wie sie angebaut werden und wie viel Arbeit in ihnen steckt. Wir haben mit Gründer und Geschäftsführer Dr. Christoph Schmitz über diesen Meilenstein gesprochen.

Interview und Text: Ariane Maillot | Ackerdemia e.V. 
Foto: Carina Cochu | Ackerdemia e.V. 

 

GemüseAckerdemie: 100.000 Kinder – was für eine Zahl! Was geht dir dabei als Erstes durch Kopf und Herz? 

Christoph Schmitz: Als Erstes gehen mir die 16 Kinder durch den Kopf, mit denen ich 2013 gemeinsam mit meiner Schwester das Pilotprojekt durchgeführt habe. Ich kann mich noch gut an die Ackerstunden mit ihnen erinnern und wie begeistert sie waren. Dass daraus mal 100.000 Kinder werden, hätten wir uns damals nicht träumen lassen. 

2014 ging es dann in der zweiten Pilotphase mit sechs Schulen weiter, heute wird die GemüseAckerdemie an Schulen und Kitas in ganz Deutschland, der Schweiz und Österreich umgesetzt. Sogar in Pandemiezeiten kamen jede Menge Lernorte dazu. Wie erklärst du dir diesen wahnsinnigen Erfolg?  

Es ist wie bei einem Hausbau. Je besser das Fundament, desto höher kannst du das Haus bauen. Wir haben uns damals sehr viel Zeit genommen, um die Zielgruppen, dazu zählen vor allem Pädagog*innen und Kinder, kennenzulernen und das Programm sehr nah an ihren Bedürfnissen zu entwickeln. Wir hätten 2014 auch schon mehr als sechs Schulen bedienen können, aber haben uns auf diese Zahl beschränkt, um wirklich bei jeder Stunde dabei sein zu können. Wir wollten ein Programm entwickeln, das die höchstmögliche Qualität hat und eine echte Veränderung bewirkt. Sowas kann man nicht im stillen Kämmerlein entwickeln, das braucht viel Ausprobieren und Justieren. In den letzten Jahren kommt uns dieser Weg sehr zugute. Die Pandemie hat viel verändert, aber das Bedürfnis, mehr in und mit der Natur zu lernen, ist eher gestiegen. 

Die konsequente Fokussierung auf die Wirkung der Programme war von Anfang an Dreh- und Angelpunkt der Arbeit von Ackerdemia. Wie wird sichergestellt, dass das Programm nicht nur wächst, sondern dabei auch nachhaltig und auf ganzheitlicher Ebene wirkungsvoll bleibt? 

Ja, Wirkung und Skalierung denken wir immer zusammen. Ohne das eine macht das andere für uns nur wenig Sinn. Die Wirkung haben wir schon bei der ersten Pilotschule 2013 gemessen. Wir haben uns dann jedes Jahr methodisch und wissenschaftlich gesteigert. Vorher-Nachher-Befragungen, Fokusgruppengespräche, Online-Befragungen und Case Studies gehören zu unserem Repertoire. Wichtig ist aber die Verbindung zur Programmgestaltung und die direkte und regelmäßige Rückkopplung mit den operativen Teams in den Regionen. Hierzu haben wir vergleichsweise viele Kompetenzen für die Wirkungsmessung, Qualitätssicherung und Weiterentwicklung des Programms direkt in unserem Team aufgebaut. 

Im aktuellen Wirkungsbericht hast du „2030 – Jedes Kind!“ als nächstes großes Ziel von Ackerdemia angekündigt. Was steckt dahinter und wie soll dieses ambitionierte Ziel erreicht werden? 

Unsere große Mission als Sozialunternehmen ist es, dem Problem der Entfremdung von Lebensmitteln und Natur entgegenzuwirken. Dafür sehen wir es als essenziell an, dass jedes Kind mindestens einmal im Leben den gesamten Zyklus vom Säen bis zum Ernten miterlebt. Es kann nicht sein, dass im 21. Jahrhundert Nachhaltigkeit und die Wertschätzung von Natur und Lebensmitteln keinen festen Platz in der Bildung haben oder maximal mit Büchern gelehrt werden. Bis 2030 wollen wir dies ändern und dafür sorgen, dass Eltern sicher sein können, dass ihre Kinder - wie sie auch Sport oder Musik nicht über Bücher lernen - Nachhaltigkeit und Naturbewusstsein ganz angewandt „mit dreckigen Händen“ erfahren und erleben.   

Zum Schluss eine persönliche Frage: Wie bleibst du bei all diesen Erfolgen und dem stetigen Wachstum auf dem Boden? Was erdet dich? 

Haha, natürlich der Acker. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich selbst auf dem Acker stehe. Sei es zu Hause bei mir am Hof oder eben bei einem Besuch einer unserer Kitas oder Schulen. Da ist man so schnell wieder da, wo man gestartet ist, und man macht sich bewusst, dass die Entwicklung nicht selbstverständlich ist. Wenn wir uns nicht jedes Jahr neu erfunden hätten, wären wir nicht an dem heutigen Punkt. Nur durch stetiges Hinterfragen und permanenten Veränderungswillen können wir unser großes Ziel „2030 – Jedes Kind“ erreichen. Und gleichzeitig wird eines immer gleichbleiben: der Acker und die Kinder! 

© Gordon Welters