AckerKolumne

Beikraut vergeht nicht!

Dr. Thomas Gladis

Wie aus Unkrautproblemen Problemunkräuter wurden, erfahrt ihr dieses Mal in der AckerKolumne des promovierten Biologen und Ökologen Dr. Thomas Gladis. Seit seinem Studium setzt er sich u.a. für die Etablierung nichtstaatlicher Sortensammlungen ein. Bei seiner Arbeit liegen „Dr. T“ besonders die Erforschung und Erhaltung regionaler Kulturpflanzen am Herzen. 

„Unkräuter – dieses Wort benutzt man nicht mehr, das ist abwertend“, höre ich immer wieder. „Un-Wörter sind out.“ Der seit Urzeiten benutzte Begriff „Unkräuter“ beschreibt klar und unmissverständlich, dass Landwirte und Gärtner die betreffenden Pflanzen nicht massenhaft im Feldbestand dulden können – um Ertragseinbußen zu verhindern und um die Ernte nicht zu gefährden. Denn die Unkräuter konkurrieren mit den Kulturpflanzen um Platz, Nährstoffe, Wasser und Licht. Sie erschweren die Bewirtschaftung, verunreinigen die Ernte und verursachen allein durch ihre Existenz enorme Kosten.

Nicht nur auf den Äckern und in den Gärten, auch längs von Schienen und Straßen erfolgen mehrmals im Jahr großflächige Herbizid-Anwendungen. Andere Methoden sind deutlich arbeitsaufwendiger oder weniger effektiv und nachhaltig. Ist deshalb aber jedes Mittel recht? Der Übergang von der mechanischen zur chemischen Düngung und Unkrautbekämpfung bescherte uns einerseits große Arbeitserleichterungen, andererseits die Vereinheitlichung regionaler Unterschiede und eine schleichende Veränderung der Unkrautflora: Die Entwicklung von den Unkrautproblemen hin zu Problemunkräutern. Multiresistente, schwer oder chemisch gar nicht mehr bekämpfbare Pflanzen haben die spritzmittelempfindlichen schönen und für die Insektenwelt oft so attraktiven Arten abgelöst. Immer neue Präparate werden möglichst zielgenau ausgebracht – doch Wind und Wetter scheren sich nicht um Eigentumsgrenzen und Schutzgebietsverordnungen.

Es ist unser aller Aufgabe und Pflicht, Natur und Umwelt sorgsam für alle künftigen Generationen sämtlicher Arten zu bewahren. Unkräuter sind natürliche Ressourcen mit häufig unentdeckten, daher ungenutzten Potentialen. Sie sind Indikatoren und schlicht Arten, denen wir ihr Existenzrecht nicht absprechen, die wir nicht einfach ausrotten dürfen, nur weil wir momentan keine Verwendung für sie haben.

Welche Alternativen gibt es?

In früheren Zeiten stellte sich mit Hilfe der bäuerlichen Wirtschaftsweise auf jedem Acker ein spezielles Gleichgewicht ein, das wir – wie oben kurz beschrieben – durch den Düngemittel- und den Herbizideinsatz verschoben und flächendeckend vereinheitlicht haben. Sollte es nicht möglich sein, durch die massenhafte Einsaat „unschädlicher“, niedrig bleibender Unkrautarten die schädlichen „Problemunkräuter“ allmählich zurückzudrängen? Die infrage kommenden Arten sind heute meist selten und hochgradig gefährdet. Was spricht dagegen, sie zu vermehren und zusammen mit dem Saatgut der Kulturpflanzen auszubringen, dann aber konsequent auf jedweden Pestizideinsatz und auf synthetischen Dünger zu verzichten? Damit werden die Felder grundsätzlich anders aussehen, anders zu bewirtschaften sein und möglicherweise nicht sogleich die gewohnten Erträge bringen, denn Mensch und Natur müssen sich erst auf ein neues, ein lokal sehr unterschiedliches Gleichgewicht einstellen. Derweil die Äcker bunt und vielfältig werden, sinkt der Bedarf an Düngemitteln, und auch durch den Verzicht auf Herbizide werden Kosten gespart. Größte Herausforderung bleibt indes die Umstellung auf Kulturpflanzen-Sorten: Mehr als 100 Jahre lang, also über 100 Gemüse- und Getreidegenerationen hinweg, wurden die Zuchtziele von einer chemielastigen Wirtschaftsweise und einer nachgelagerten Verarbeitungsindustrie geprägt. Der hier nur skizzierte ökologisch basierte, unkrauttolerante Landbau braucht Unterstützung durch die Grundlagenforschung, aber auch durch unerschrockene Landwirte, die bereit sind, diese neuen Methoden auf ihre Anwendbarkeit in der Praxis zu prüfen, sie anzupassen und zu verbessern.

 

Der Bauer und sein Kind

Der Bauer steht vor seinem Feld
Und zieht die Stirne kraus in Falten:
„Ich hab' den Acker wohl bestellt,
Auf reine Aussaat streng gehalten;
Nun seh‘ mir eins das Unkraut an!
Das hat der böse Feind getan.“

Da kommt sein Knabe hochbeglückt,
Mit bunten Blüten reich beladen;
Im Felde hat er sie gepflückt,
Kornblumen sind es, Mohn und Raden;
Er jauchzt: „Sieh, Vater, nur die Pracht!
Die hat der liebe Gott gemacht.“

Julius Sturm (1816-1896)